Ein Buchhändler auf Sherlocks Pfaden
Mit der Fernsehserie „Bookish“ wagt sich „Sherlock“-Schöpfer Mark Gatiss auf vertrautes Terrain. Basierend auf einer Idee von Gatiss selbst und Co-Autor Matthew Sweet, produzierte Eagle Eye Drama und Happy Duck Films ein charmantes, aber auch düsteres Krimi-Drama im Nachkriegs-London des Jahres 1946 – eine Serie, die das Genre um historisch heikle Geheimnisse erweitert, die bislang kaum thematisiert wurden.
Gatiss schrieb nicht nur die Drehbücher, er übernahm auch die Hauptrolle des Londoner Buchantiquars Gabriel Book. Dieser hilft der Polizei bei der Aufklärung kniffliger Mordfälle – und bewahrt dabei selbst ein pikantes Geheimnis. Ob Gatiss neue TV-Serie im Duell aktueller britischer Krimis mithalten kann, oder diese im Nichts der Belanglosigkeit verschwindet, verrät meine Serienkritik mit einem kurzen Blu-ray Review.
Die neue Krimiserie von Mark Gatiss unter der Lupe
Der Inhalt, worum geht’s?
Für das Ehepaar Gabriel (Mark Gatiss) und Trottie (Polly Walker) Book ist das Leben im London des Jahres 1946 alles andere als leicht, leidet Großbritannien doch immer noch unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Während sie ein Tapetengeschäft führt, betreibt der exzentrische Buchhändler seinen Laden mit viel Herzblut – und folgt zudem einem weiteren Hobby: Er löst nur zu gern besonders knifflige Verbrechen. Dank eines Schreibens von Churchill selbst, darf er die Polizei bei ihren Ermittlungen unterstützten, was besonders Inspector Bliss (Elliot Levey) erfreut.

Obwohl die Geschäfte nicht allzu gut laufen, ist Gabriel sehr an einem speziellen Assistenten interessiert und bietet dem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Jack (Connor Finch) eine Chance. Jack kann wiederum nicht verstehen, warum Book ausgerechnet an ihm Interesse hat – zum Grübeln bleibt ihm jedoch keine Zeit, denn Inspector Bliss wartet bereits mit einem neuen Mordfall. Doch bei all den freundlichen Gesten und spannenden Abenteuern verheimlicht Gabriel selbst ein äußerst pikantes und gefährliches Geheimnis.
Episoden-Guide:
- Leicht stockfleckig (1 & 2)
- Ein giftiges Geschäft (1 & 2)
- Hingebungsvolle Schwestern (1 & 2)
Die Inszenierung einer brisanten Handlung
Wer britische Serienproduktionen liebt, dem sollte der Autor und Schauspieler Mark Gatiss ein Begriff sein. Schrieb er doch etliche Drehbücher für englische Serien-Highlights wie Agatha Christie’s Poirot mit David Suchet (Bigfoot und die Hendersons: Kritik) oder Doctor Who. Einer seiner größten Erfolge dürfte die BBC-Erfolgsserie Sherlock sein, die er zusammen mit Steven Moffat 2010 aus der Taufe hob. Darin spielte er neben Benedict Cumberbatch (Der Spion: Kritik) Martin Freeman als Dr. Watson, Sherlocks Bruder Mycroft Holmes.

Mit Bookish erschuf Gatiss eine Krimiserie und einen Charakter, die neben den Kriminalfällen ein brisantes Tabuthema der britischen Geschichte anspricht. Aufgrund strafrechtlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ächtung versteckt die Hauptfigur seine Homosexualität hinter einer Scheinehe mit seiner besten Freundin aus Jugendtagen. Dazu steht eine mysteriöse Verbindung zur Figur Jack im Raum, die sich als roter Faden durch die gesamte erste Staffel zieht — womit Gatiss eine überraschend komplexe Figurenkonstellation beschert.

Im Mittelpunkt stehen drei Kriminalfälle, die jeweils in zwei Teile gesplittet wurden. In bester Agatha-Christie-Manier lässt Gatiss seinen Protagonisten mit dessen jungem Helfer die Ermittlungen führen und präsentiert dabei äußerst unterhaltsame, nicht gleich durchschaubare Mordfälle. Noch interessanter sind jedoch die Verbindungen zwischen den drei Hauptcharakteren, die nach und nach herausgearbeitet werden. In der letzten Folge legt Gatiss zudem einen Twist als Cliffhanger für die bereits bestätigte zweite Staffel nach.

Die Fälle sind überwiegend spannend inszeniert — mit einer Ausnahme: Die Finalepisode fällt etwas ab. Der Bruch zwischen Gabriel und Jack aus der zweiten Doppelfolge wirkt anfangs holperig, und der Twist um zwei adlige Schwestern läuft etwas unrund. Eine weitere kleine Schwäche liegt in den zwei parallel laufenden Storylines, die die Serie stellenweise ausbremsen.

Visuell hingegen weiß die Produktion durchweg zu überzeugen: Das Nachkriegs-London, die Settings und Kostüme wirken überaus authentisch — und nicht wie in manchen TV-Produktionen merkwürdig künstlich nachgestellt. Besonders hervorzuheben ist die geheimnisvolle und teils unheilvolle Atmosphäre der Serie — denn nicht nur, dass alle Figuren ihre Geheimnisse haben: Eine mögliche Enttarnung von Books Homosexualität stellt eine ziemliche und reale Gefahr für die Hauptfigur dar.
Die Darsteller und ihre Figuren
Dreh- und Angelpunkt ist Gabriel Book, den Mark Gatiss wunderbar in Szene setzt, Dabei verkommt sein Hobbyermittler nicht zu einem Holmes-Abklatsch Man merkt dieser Figur, hinter seiner sympathischen und gefassten Fassade an, das er emotionale Wunden mit sich trägt. Seine exzentrische, in sich ruhende Art erinnert bisweilen an seinen Serienkollegen Sven Hjerson, aus der schwedischen TV-Serie Agatha Christies Hjerson (Kritik). Seine Scheinehefrau Trottie wird von Polly Walker gespielt, die seit Kindheitstagen nicht nur Gabriels beste Freundin ist, sondern ihn auch vor Verurteilung und Ächtung bewahrte.
Connor Finch (Professor T.: Kritik) spielt Jack, einen Ex-Häftling, der in ungeahnter Verbindung zu Gabriel steht. Buket Kömür spielt die junge Waise Nora, die sich in der Archangel Lane nur zu gern bei den Books aufhält und für den nötigen Witz sorgt. Elliot Levey spielt Inspektor Bliss — sozusagen das Gegenstück zu Sherlocks Inspektor Lestrade. Sgt. Morris wird von Blake Harrison (Doctor Who: Kritik) gespielt, der Book partout nicht ausstehen kann. Diese Konstellation birgt reichlich Konfliktpotenzial — erst recht, sollte Gabriels Geheimnis bröckeln.
In weiteren Gastrollen überzeugen unter anderem Ex-Doctor-Who-Darsteller Paul McGann als undurchsichtiger Mr. Kind, Joely Richardson (The Blacklist: Kritik) als Sandra Dare sowie Jonas Nay (Deutschland 83: Kritik), Tim McInnerny (Game of Thrones) und Daniel Mays als Fleischer Eric Wellbeloved. Die Besetzung ist hervorragend gewählt und trägt besonders zur Atmosphäre der Krimi-Serie bei.
Wissenswertes zur Serie und Blu-ray (FAQ):
Wird es eine zweite Staffel geben?
Ja. Während die Serie im Juni beim Italian Global Series Festival Premiere feierte und im Juli auf dem britischen Krimisender Alibi lief, wurde sie vorab schon verlängert. Laut Mark Gatiss soll die zweite Staffel bereits abgedreht sein — während er schon an der dritten arbeitet.
Wurde Homosexualität im England der 1940er Jahre verfolgt?
Männer, die bis 1967 in England als schwul enttarnt wurden, durften nicht nur ihren Beruf nicht mehr ausüben — ihnen drohten Zwangsarbeit, Gefängnisstrafen und teils sogar chemische Kastration. Prominentes Beispiel ist der Mathematiker Alan Turing, der die deutsche Verschlüsselungsmethode namens Enigma im Zweiten Weltkrieg knackte und damit entscheidend zum Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland beitrug. Trotz dieses grandiosen Einsatzes wurde ihm 1952 der Prozess wegen seiner „Neigung“ gemacht.
Ist „Bookish“ mit „Sherlock“ vergleichbar?
Obwohl Serien-Schöpfer Mark Gatiss das gleiche Genre nutzt, unterscheidet sich „Bookish“ nicht nur durch das historische Setting. Die Handlung folgt neben der Aufklärung von Verbrechen, auch der sexuellen Ausrichtung der Hauptfigur, was durch die durch die damalige strafrechtliche Verfolgung erst Recht zum brisanten Thema wird.
Gibt es aktuell weitere interessante Krimiserien im Stil von Bookish?
Wer mutige Neuinterpretationen im Genre schätzt, findet mit Sherlock & Daughter (Kritik) übrigens eine weitere Serie, die ebenfalls gegen bekannte Stoffe verstößt — Sherlock Holmes hatte schließlich bisher keine uneheliche Tochter mit einer indigenen Amerikanerin.
Weitere Infos zu Laufzeit, FSK-Freigabe, Bild / Tonqualität & Bonusmaterial?
Die Serie hat eine Gesamtlaufzeit von ca. 312 Minuten, verteilt auf 6 Episoden, und erhielt eine FSK-Freigabe ab 12 Jahren. Die Bildqualität der Blu-ray überzeugt durchweg: Außenaufnahmen sind leicht gräulich geprägt und unterstützen das Nachkriegs-Setting, während in Innenräumen warme Farben überwiegen. Das Bild ist knackscharf, kontrastreich und bietet einen sehr guten Schwarzwert. Die Dialogverständlichkeit ist durchgehend gegeben. Als Bonusmaterial ist ein 11-minütiges Hinter-den-Kulissen-Featurette enthalten.
Bookish – Staffel 1 (Serie 2025) Mein Fazit:

Bookish dürfte Mark Gatiss‘ bislang persönlichstes Projekt sein. Die neue Serie liefert nicht nur unterhaltsame Genrekost in authentischer Nachkriegsatmosphäre, sondern behandelt das Schwulsein als selbstverständlichen Teil der Hauptfigur – subtil, aber konsequent eingearbeitet. Dass Gatiss die Homosexualität nicht als Randnotiz abtut, verleiht der Krimiserie eine Tiefe, die viele Genre-Vertreter eher am Rande thematisieren – und das zumal er selbst in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt.
Hervorzuheben ist, dass die Hauptdarsteller das Format mühelos tragen, dennoch läuft nicht alles rund: Die Finalepisode schwächelt, der Twist um die adligen Schwestern wirkt unrund, und die zwei parallel laufenden Storylines bremsen die Serie stellenweise etwas aus. Kein perfektes, fehlerfreies Crime-Procedural, doch diese kleineren Längen im Pacing kaschiert der Autor erstaunlich gut.
Fazit: Gatiss‘ Bookish zieht mit der Krimi-Konkurrenz nicht nur gleich – er überholt diese sogar. Dank seiner Figuren, der dichten Atmosphäre und der Brisanz seines Themas liefert er alles andere als generische Krimikost. Wer Serien wie Grantchester (Kritik) oder Sherlock mag, der sollte definitiv einen Blick auf Bookish werfen.
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