Mindfuck oder nur generischer Actioner?
In einer postapokalyptischen Welt, wo dystopische Realität auf knallharte Action trifft, entfesselt der deutsche Regisseur Moritz Mohrein Action-Feuerwerk aus visueller Brillanz und kompromissloser Gewalt. In einer von der skrupellosen Hilda van der Koy regierten Dystopie, folgen wir dem taubstummen Boy gespielt von Bill Skarsgård auf seinem blutigen Rachefeldzug. Von einer inneren Stimme getrieben und von einem gnadenlosen Schamanen zur Tötungsmaschine geformt, folgt der Zuschauer diesem durch grandios choreografierte Kampfszenen. Ob uns der Film überzeugen konnte oder nur die Werbetrommel gut gerührt wurde, erfahrt Ihr in unserer ausführlichen Filmkritik.
Worum geht’s in „Boy Kills World“?
Bereits seit Boy (Bill Skarsgård – The Crow: Review) ein kleiner Junge war, wird das Land von Hilda van der Koy regiert. Um das Volk gefügig zu machen, veranstalten die van der Koys jedes Jahr ein TV-Event namens „The Culling„. Bei dem aufsässige Bürger um ihr nacktes Überleben kämpfen. Hilda war es auch, die seine Mutter und seine Schwester ermordete und ihn taubstumm zurückließ. Seither wird der taubstumme Boy nur von Rache und seiner inneren Stimme angetrieben. Diese gab er sich von einem Videospiel. War es doch das Letzte, was er in seinem Leben hören konnte. Völlig verwahrlost wurde er von einem Schamanen aufgefunden.

Doch so barmherzig es klingt, war es nicht. Erbarmungslos drangsalierte und peinigte dieser den Jungen bis aufs Äußerste. So formte der Einsiedler eine hoch funktionelle Tötungsmaschine. Erschaffen, um sich an der Diktatorin zu rächen. Und der Tag sollte kommen, als die van der Koys wieder begannen, Menschen für ihre mörderischen Spiele zusammen zu treiben. Mit dem Jungen, der zu einem Mann herangewachsen war, hatte keiner gerechnet. Dabei ahnte er selbst nicht, dass er bei diesem Rachefeldzug an seine Grenzen stoßen wird. Nicht der Kampf, sondern die Wahrheit könnte ihn in die Knie zwingen!
Die Inzenierung des Actionspektakels
Mit „Boy Kills World“, präsentiert der in Frankfurt geborene deutsche Regiesseur Moritz Mohr seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Doch wie kommt solch ein Genre-Actionfeuerwerk in Deutschland zustande, um genau zu gar nicht. Selbst heute noch stehen die deutsche Filmindustrie und besonders die Film-Finanziers dem Genre-Kino überaus skeptisch gegenüber. So setzte der Filmemacher alles auf eine Karte, drehte einen „Proof of Concept“-Trailer und ging damit 2017 in Los Angeles hausieren. Der Zufall wollte, dass der Produzent der „ES“ Filme Roy Lee zu dem Trailer kam. Dieser holte „Tanz der Teufel“ Legende Sam Raimi (The Unholy: Review) mit ins Boot. Womit das Projekt tatsächlich realisiert werden konnte.
Wer den Film des Debütanten sieht, dem wird schnell klar, dass dieser wohl nie hätte in Deutschland gedreht werden können. Die Story ist zu crazy und die Action zu brutal. Für die Fanbase solcher Filme aber genau der richtige Mindfuck. Die Geschichte, die von Drehbuchautor Arend Remmers („Schneeflöckchen“) zusammen mit Moritz Mohr und Tyler Burton Smith geschrieben wurde, ist dabei recht generisch. Kleiner Junge ist Zeuge, wie die Mutter getötet wird und schwört blutige Rache, Punkt. Das, was die drei Autoren jedoch drum herum gesponnen haben, ist ein herrlich skurriler Mix aus Dystopie und Martial-Arts. Nicht zu vergessen: der perfekt eingebaute WTF Twist am Ende.

Bei Sichtung wird schnell klar, von welchen Filmen man wohl inspiriert wurde. Hier wären in erster Linie „John Wick„, „Bloodsport“ und das Spiel / Film „Mortal Kombat“ zu nennen. Der Film wirkt wie ein real gewordenes Videogame, fehlt doch nur noch der Bodycount in der oberen Ecke. Letzterer ist auch enorm hoch: metzelt sich unser Protagonist doch durch Horden von Angreifern. Um nicht zu stupid zu wirken, bauten die Filmemacher einen herrlich skurrilen, unterschwelligen Humor ein. Hier sei u.a. Sharlto Copleys Ableben erwähnt. Ebenso ist der Trainer von Boy alles andere als nachsichtig, wie man dies beispielsweise aus „Bloodsport“ oder „Karate Kid“ kennt.
Der Einfall des taubstummen Jungen, der sich eine innere Stimme gibt, ist für sich schon genial. Diese stammt aus einem Hongkong-Action-Prügelspielautomaten und das letzte, was er hörte. Die innere Stimme von Boy begleitet den Zuschauer aus dem Off. Auch hier ließen sich die Macher, Gags und irre komische Situationen einfallen. Bspw. Wenn Boy beim Lippenlesen sein Gegenüber nicht versteht und nur wirres Zeug herauskommt. Die Interaktion mit Andrew Koji (Bullet Train: Review) als Basho und Isaiah Mustafa („Mord in Yellowstone City“) als Benny, ist zu köstlich, hier sei nur das Thema „Teambildung“ erwähnt.

Der Film war für uns eine überaus positive Überraschung. Dennoch ist auch in diesem nicht alles Gold was glänzt. Das erste was auffällt, der Streifen ist sicherlich nicht für jeden geeignet. Martial-Arts-Kämpfe, viel Gewalt und noch mehr CGI-Blut stehen im Mittelpunkt. Hier muss erwähnt werden, dass das computergenerierte Blut nicht so negativ auffällt, wie in manchem Blockbuster. Fakt ist: Der Film ist nichts für schwache oder gar sanfte Gemüter, denn hier wird der brutale Kampf nicht nur gezeigt, sondern auch in jeder Szene zelebriert.
Dazu punktet das Wer zwar mit jeder Menge Einfällen und teils wirklich schrägen Ideen. Die Geschichte des Jungen der auf Rache sinnt und den Mord an seiner Familie rächen will, bleibt dabei aber generisch. Für diese Art von Film einfach nur das probate Mittel zum Zweck. Wer auf der Suche nach einer tiefgründigen Story ist, ist hier falsch. Obwohl der Streifen mit einem wirklich starken Twist aufzuwarten weiß. Wem Filme wie „Upgrade“, „Guns Akimbo“ oder Willys Wonderland: Review schon nicht gefallen haben, wird an diesem hier wohl keine Freude haben.
Die Kamera, die Kampfszenen / Choreographie in „Boy Kills World“
Die Choreographie ist perfekt in Szene gesetzt und muss sich vor denen eines „John Wick“ wahrlich nicht verstecken. Der Vorteil: diese wirken teils wie aus einem Videogame entnommen, womit die brutale Härte eher wie aus einem Comic wirkt und nicht ganz so real wirkt. Man muss festhalten dass die Stuntcoordinatoren, Stuntdoubles, die Darsteller und besonders Stunt-Regisseur Dawid Szatarski, einen unglaublich beeindruckenden Job mit atemberaubenden Szenen abgeliefert haben. Die Martial-Arts Szenen wirken in „Boy Kills World“ nicht wie eine Orgie der Gewalt, sondern eher wie künstlerischer fließender Tanz. Der Mix verschiedener Kampfstile wie Jiu-Jitsu, Aikido, Pencat Sillat und vielen mehr dürfte für Actionfans ein Highlight sein.
Anmerkung: Stunt-Regisseur Dawid Szatarski ist selbst als „VDK: Dawe“, ein irrsinniger Kampfsoldat zu sehen. Der sich mit Skarsgård einen absolut irrwitzigen Zweikampf liefert.

Ebenso sind die Actionszenen extrem gut durch choreografiert und mit herrlich schrägen Ideen gepaart. Sei es der Fight mit dem durchgeknallten Soldaten in der Fahrzeughalle, die Küchenprügelei mit Käsereibe, das Winter Wonderland, das an Willy Wonka erinnert. Nicht zu vergessen die Faust-Pistole, die dem Begriff Faustfeuerwaffe eine ganz neue Bedeutung gibt. Der deutsche Kameramann Peter Matjasko zeichnet für eine äußerst starke Kameraarbeit verantwortlich. Hat er doch dieses Actionspektakel unglaublich gut eingefangen. Wer es genauso deftig brutal mag, sollte einen Blick auf unsere Kritik zu „Mr. No Pain – Novocaine“ werfen.
Die Schauspieler, ein starkes Ensemble
Allen voran steht Pennywise Darsteller Bill Skarsgård (Locked: Review), der für seine Wahl besonders physischer Rollen bekannt ist. Für Action-Fans ist es eine wahre Freude, seine Kampf-Einlagen zu verfolgen. Besonders gut ist aber sein Mimik Spiel, ist seine Figur im Film doch taub wie stumm. Info: Mehr Dialog, wird er in seinem nächsten Projekt, der Neuverfilmung von „The Crow: Review“ haben. In der er in die Figur des Eric Draven schlüpft, der getötet wird, wieder aufersteht und ebenfalls als Rächer unterwegs sein wird.
Der indonesische Kampfkünstler und Schauspieler Yayan Ruhian („The Raid„) übernahm die Rolle des Schamanen. Ruhian punktet hier mit seiner äußerst intensiven Präsenz. Unglaublich, was der bereits 56 jährige Kampfsportler zu leisten in der Lage ist. Als „Brothers in Arms“ sind Andrew Koji (Snake Eyes (2021): Review) und Isaiah Mustafa („ES Kapitel 2“) zu sehen, die dem Film die notwendige Leichtigkeit verpassen. Nicht zu vergessen die Kinder Darsteller Cameron und Nicholas Crovetti als der junge Boy und Quinn Copeland als Boys Schwester Mina.

Als Gegenspieler*innen ist Famke Janssen (The Blacklist: Review) als wahnsinnige Dikatorin Hilda zu sehen. Sowie Jessica Rothe, die als June27 die van der Koy Armee anführt. Auch sie liefert eine unerwartet gute physische Performance bei den Kampfszenen ab. Michelle Dockery demnächst in Mel Gibsons „Flight Risk“ zu sehen, spielt Melanie, die Schwester von Hilda. Ihr Mann Glen wird von Sharlto Copley verkörpert, der auch schon als „Howling Mad Murdock“ in dem „A-Team“ Kinofilm zu sehen war. „Stranger Things“ Darsteller Brett Gelman übernahm die Rolle des Bruders Gideon, der dem Terror seiner Familie überdrüssig geworden ist.
Info: Boys innere Stimme, die sein Denken aus dem Off kommentiert, wird im Original nicht wie vermutet von Skarsgård, sondern von H. Jon Benjamin gesprochen. Der deutsche Synchronsprecher Tetje Mierendorf übernahm dies für den deutschen Release des Films.
Technische Daten und Extras der Blu-ray
Der Film hat eine Laufzeit von 111 Minuten. Das Bild der uns vorliegenden Blu-ray ist farbenprächtig, knackig scharf und die Kontraste wie Schwarzwerte geben keinerlei Grund zur Klage. Was gerade in den vielen dunklen Szenen wichtig ist. Der Ton ist in den Actionsequenzen kräftig, ebenso bei den musikalischen Einlagen. Dennoch geht der deutsche Dialogton nicht unter und dieser bleibt durchweg verständlich. An Extras gibt es ein „Making-of“ und „Behind the Scenes“. Enthalten ist der Originaltrailer und eine Trailershow.
Boy Kills World (2023) Kritik & Fazit:

Wertung: 7 / 10
Wir sind der Meinung, dass der Debütfilm von Regisseur Moritz Mohr für ein Erstlingswerk überraschend beeindruckend ausgefallen ist. So entführt er die Zuschauer in eine düstere, dystopische Welt, beherrscht von einer skrupellosen Diktatorin. Die Handlung folgt dem taubstummen Boy, gespielt von Bill Skarsgård, der nach dem brutalen Mord an seiner Familie von Rachegelüsten getrieben wird. Trotz einer generischen Geschichte gelingt es den Drehbuchautoren, durch einen Mix aus Martial-Arts- und Action Elementen, skurriler Szene und einem unerwarteten Twist, dem Film eine erfrischende Originalität zu verleihen.
Die herausragende Kampfchoreographie von Stunt-Regisseur Dawid Szatarski, kombiniert verschiedene Kampfstile wie Jiu-Jitsu, Aikido und Pencat Sillat, etc. verleiht den Actionszenen eine hervorragende Dynamik. Durch den subtil eingeflochtenen Humor wird der Actioner ziemlich elegant ausbalanciert. Die technische Umsetzung, insbesondere die Kameraführung von Peter Matjasko, lässt den Zuschauer mitten ins Geschehen eintauchen. Die schauspielerische Leistung des Ensembles, insbesondere Skarsgård als Boy, Yayan Ruhian, Andrew Koji und der restliche Cast tragen maßgeblich zur Tiefe und Authentizität des Films bei.
Fazit: Boy Kills World ist ein gelungenes und rasantes Actiondebüt. Was nicht zuletzt an den grandiosen Kampfszenen, der visuellen Brillanz, allerlei kreativen Einfällen und einem unerwarteten Twist liegt. Der Film besticht ebenfalls durch seine überzeugende Besetzung und kann trotz der intensiven Gewalt und der teils generischen Handlung überzeugen. Womit man Filmemacher Moritz Mohr auf alle Fälle auf dem Schirm behalten sollte.
Bilder & Trailer mit freundlicher Genehmigung @ 2024 Constantin Film – Alle Rechte vorbehalten!



