Lohnt sich Ditters Neuverfilmung von Momo?
Mit Momo (2025) wagt sich Regisseur Christian Ditter an die Neuverfilmung des legendären Klassikers von Michael Ende. In dieser Kritik schaue ich mir an, ob der Versuch, die bekannte Geschichte in die Neuzeit zu transportieren, gelungen ist. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage: Kann Hauptdarstellerin Alexa Goodall gegen Radost Bokel bestehen, die sich 1986 an der Seite von Mario Adorf und Armin Müller-Stahl in die Herzen der Zuschauer spielte? Während erste Stimmen das Remake bereits abstrafen, klärt mein Review, ob Ditter an dieser Mammutaufgabe gescheitert ist oder der Film nicht doch zu überzeugen weiß.
Meine Analyse zu Plot, Umsetzung und Besetzung
Worum geht’s?
Es gibt eine neue Bewohnerin im alten Amphitheater: das junge Waisenmädchen Momo (Alexa Goodall). Sie lebt in den Ruinen, aber niemand weiß, woher sie kam. Doch jeder hat sie gern, denn sie nimmt sich Zeit zuzuhören, und damit hilft sie allen Wesen, sich selbst zu helfen. Besonders nah stehen ihr der Lieferbote und Stadtführer Gino (Araloyin Oshunremi) sowie der Straßenkehrer Beppo (Kim Bodnia). Alles könnte so unbeschwert sein, wäre da nicht diese Frau in grauer Montur. Sie rechnet den Menschen vor, wie sie ihre Zeit verschwenden. Abhilfe schafft ein Armband eines neuen Konzerns, der Grey Corporation, das den Menschen helfen soll Zeit zu sparen, statt zu vergeuden.

Was sie den Leuten jedoch verschweigt: Ihr Chef Richter (Claes Bang) ist nur daran interessiert, die Zeit der Menschen zu stehlen. Als sie versucht, das vermeintlich harmlose Mädchen zu ködern, offenbart sie ungewollt ihre dunklen Absichten. Bevor es jedoch zu gefährlich für das Mädchen wird, erscheint eine geheimnisvolle Schildkröte und führt sie zu Meister Hora (Martin Freeman), dem Hüter der Zeit. Hier ist sie vorerst sicher, doch sie muss zurück, um ihren besten Freund Gino und auch alle anderen zu retten. Doch bei Meister Hora vergeht die Zeit schneller, und so ist bereits ein Jahr vergangen – kann Momo die Grauen überhaupt noch aufhalten?
Die Inszenierung im Review
Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch eine Neuverfilmung von Michael Endes Geschichte geben wird. Regisseur Christian Ditter erzählt die Geschichte um das Waisenmädchen Momo nun frisch aufpoliert. Er transportierte seine Version in das 21. Jahrhundert und achtete auf die teils stark veränderten Sehgewohnheiten, ohne jedoch auf die gesellschaftskritischen Aspekte der Geschichte zu verzichten, die das Original ausmachten. Ist ihm das gelungen? Laut einigen Kritikern (vielleicht sogar Fans des alten Films) eher nicht, meiner Meinung nach jedoch schon. Ist es doch so, dass sich Sehgewohnheiten ändern und zeitgemäße Adaptionen nicht für Puristen gemacht sind, sondern für ein unbedarftes Publikum, welches das Original meist gar nicht kennt.

So kämpft Ditters Film mit einigen kritischen Stimmen, die ihm u. a. den fehlenden märchenhaften Charme der Vorlage vorwerfen, den die erste Verfilmung von Johannes Schaaf aus dem Jahr 1986 aufwies. Obwohl ich das teils anders sehe, ist auch der neue Film nicht perfekt. Doch zuerst zum Positiven: Die Geschichte wurde ziemlich gut und temporeich in die Moderne transportiert. Dieser nimmt sich den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wie Erfolgsdruck, Zeitoptimierung, der Macht der Influencer sowie der Verdummung der Massen durch Trends und blindem Gefolge recht ungeschönt an. Ebenso sind die einstigen Zigarren (gewickelt aus Blütenblättern der Zeitblumen) einem Inhalator gewichen. Dafür haben es einige langsame Passagen/Dialoge mit Gigi und Beppo, wie auch einige Figuren des Originals, darunter Frisör Fusi, Maurer Nicola oder Nino, nicht mehr in den neuen Film geschafft.

Trotz dass Ditter die Geschichte straffte, gibt es ein paar unnötige Szenen. Darunter bspw. diese mit dem Mädchen, welches von Gino angehimmelt wird. Ebenso hätte man bezüglich der Spannung die Geschehnisse um Beppos oder Ginos Figur/Familie etwas mehr dramatisieren können. Manche Kritiken sprachen davon, dass für manche Kinder manche Szenen eindeutig zu grausam seien. Hier sehe ich eigentlich keinen Unterschied zum Original. Visuell und optisch ist der Film auf der Höhe der Zeit, was mir jedoch besonders gefallen hat: Schildkröte Kassiopeia ist eine Animatronic und glücklicherweise kein CGI-Wesen. Ich bin der Meinung, dass wichtige Figuren/Kreaturen für Kinder greifbarer sind, wenn sie real dargestellt werden. Trotz CGI finde ich den Ort, an dem Zeit produziert wird, wesentlich besser realisiert als im Original, was eher wie ein Brunnen auf einem Karussell wirkte.
Die Darsteller und ihre Figuren
Der Film setzt auf einen erstklassigen internationalen Cast; dazu hat Christian Ditter mit Alexa Goodall einen Glücksgriff getan. Sie wirkt zwar im Vergleich mit Radost Bokel nicht ganz so unschuldig und eher etwas raubeiniger. Dafür ist ihre Darstellung eines selbstbewussten Kindes heutiger Zeit völlig überzeugend, ohne dabei auf die Emotionen zu verzichten, die ein Kind in dieser Situation wohl durchlebt. Ihr zur Seite stehen Araloyin Oshunremi als Lieferbote und Fremdenführer Gino, der mit Mutter Liliana, gespielt von Jennifer Amaka Pettersson, und seinen Geschwistern zusammenlebt.

Straßenkehrer Beppo wird von Kim Bodnia verkörpert, der in seiner Rolle ebenso grandios wie einst Leopoldo Trieste überzeugt. Martin Freeman übernahm die Rolle von Meister Secundus Minutius Hora, dem Hüter der Zeit. Auch wenn ich Freeman sehr gerne sehe, empfand ich seine Darstellung irgendwie zu nah an seinem Bilbo Beutlin aus „Der Hobbit“; hier hatte ich tatsächlich etwas mehr erwartet. Als oberster Chef des Grey-Konzerns ist der dänische Schauspieler Claes Bang (The Northman: Kritik) als Richter zu sehen. Seine Darstellung lässt keinen Zweifel an der Skrupellosigkeit seiner Figur aufkommen.

In weiteren Rollen zu sehen sind: Laura Haddock als Zeitersparnis-Beraterin Jackie, David Schütter (Para – Wir sind King: Kritik) als Richters rechte Hand Brutus, Mylène Gomera als Polizistin Grey, Skylar Blu Copeland als Maria, Madeleine Akua als Jenny, Kurt Ravn als Onkel Roman u. v. m.
Wissenswertes zum Autor, Film & Blu-ray (FAQ)
Wer war Michael Ende?
Michael Ende (1929–1995) war einer der bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk ist wohl „Die unendliche Geschichte“ (1979), welche die Abenteuer von Bastian Balthasar Bux in Phantásien erzählt. Nicht weniger bekannt ist „Momo“ (1973), seine Parabel über Menschen und ihre Zeit. Daneben schrieb er „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1960) und zahlreiche Gedichte und Theaterstücke. Ende war ein erklärter Kritiker des modernen Kapitalismus und ließ dies oft in seine Werke einfließen.
Wo spielt die Geschichte und was muss Momo tun?
Der Film spielt in Italien, wo die Waise Momo in den Ruinen eines alten römischen Amphitheaters lebt. Als unheimliche, grau gekleidete Personen auftauchen, die den Menschen die Zeit stehlen, versucht Momo, die Stadt von diesen Zeit-Dieben zu befreien.
Was ist Momos Gabe?
Das Mädchen Momo ist allein durch ihre Fähigkeit, nur zuhören zu können, in der Lage, allen Wesen, egal ob Mensch oder Tier, zu helfen, sich selbst zu helfen.
Welche Änderungen gibt es im Vergleich zum alten Film?
Während die Geschichte überwiegend gleich blieb, gab es die größten Veränderungen bezüglich der Figuren. So wurden bspw. Nicola der Maurer (Mario Adorf), Nino (Ninetto Davoli), der Bistrobesitzer, und Herr Fusi, der Friseur (Francesco de Rosa), komplett gestrichen. Ebenso erhalten die grauen Herren Zuwachs durch ebenso graue Damen. Während der großartige Armin Müller Stahl nur als Chef der Grauen benannt wurde, gibt es im neuen Film die Figur Richter, der den Grey Konzern leitet.
Weitere Infos zu Laufzeit, FSK-Freigabe, Blu-ray & Bonusmaterial
Der Film feierte seine Premiere im Kino in Deutschland im Oktober 2025 und hat eine Laufzeit von 115 Minuten. Er erhielt von der Freiwilligen Selbstkontrolle eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren.
Die Blu-ray bietet folgendes Bonusmaterial:
- Interviews mit Cast & Crew
- Deleted & Extended Scenes
- Gag-Reel
- Making-of: VFX
- Musikvideo
- Trailer
Momo (Neuverfilmung 2025) – Fazit:

Christian Ditter erzählt eine modernisierte und frische Version der Geschichte um Momo und ihren Kampf gegen Bösewichte, die den Menschen ihre Zeit stehlen. Dass der Filmemacher dabei auf die eher entschleunigten Momente des Originals verzichtete und den Fokus direkt auf die Probleme unserer Zeit – wie dem grassierenden Erfolgsdruck, der Macht der Influencer und vor allen Dingen der Zeitoptimierung – verschoben hat, ist kein Fehler. Damit reagiert er nicht nur auf veränderte Sehgewohnheiten der jetzigen Generation, sondern besonders auf die Thematik des „Zeit sparen“, die heute mehr denn je zutrifft.
Trotz kleinerer Schwächen bei der Figurenzeichnung, der Streichung einiger Charaktere und einiger Anpassungen an die heutige Zeit überzeugt der Film durch eine starke Besetzung und ein Gespür für ein modernes Publikum. Dass man bei einer zentralen Figur wie der Schildkröte Kassiopeia auf Animatronics statt auf künstliches CGI gesetzt hat, beweist zudem, dass dieses Werk den Spagat zwischen technischem Fortschritt und erzählerischer Wärme beherrscht.
Fazit: Ditter gelingt die Gratwanderung: Er bringt den Film für das heutige Publikum (nicht für Nostalgiker) auf den Punkt, trifft den Nerv und schafft es der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Wer eine Kopie der Verfilmung von 1986 erwartet, ist hier falsch. Wer jedoch bereit ist, sich von der nostalgischen Verklärung des ersten Films zu lösen, wird mit einer zeitgerechten, temporeichen und visuell ordentlichen Adaption belohnt.
Transparenz-Hinweis: Das Bild- und Trailer Material sowie das Blu-ray-Rezensionsexemplar wurden uns freundlicherweise von LEONINE Home Entertainment zur Verfügung gestellt. Die Bereitstellung erfolgte unentgeltlich und ohne Einfluss auf die redaktionelle Bewertung – © 2025 Constantin Film – Alle Rechte vorbehalten!



